„nachhaltige technologien 2|2017“
19 18 SCHWERPUNKT FASSADEN Bewertungen hinsichtlich des Kunstlichtbedarfs, der Tageslichtversorgung und des Blendverhaltens waren in diesem Projekt nicht Teil der Untersuchungen, kön- nen aber in technischen Modell-Tests typischerweise mit betrachtet werden. DieMessungen an der Testfassade fanden vomOktober 2013 bis einschließlich Juni 2014 statt. Untersucht wur- den zwei unterschiedliche Verglasungsarten sowie neun verschiedene Screenmuster. Die dabei erzielten Messdaten sind für alle Planungsbeteiligten über einen gesicherten Zugang zum Messwerterfassungs- system Imedas TM (Internet Messdaten Erfassungs- und Auswertungssystem) einsehbar, das am Fraunhofer IBP entwickelt wurde. Mit dieser Software werden die Messdaten und die einzelnen Regelungsparameter erfasst, über Webbrowser können beispielsweise der Zugriff auf die Datenbank, Auswerteoberflächen und Prozessvisualisierung aufgerufen werden. Weiterhin stehen dem Planungsteam Videos der durchgeführten Nebelversuche, die Thermogramme der raumseitigen Screenoberfläche und die tabellarische Zusammen- fassung der Messergebnisse zur Verfügung. Ergebnisse Das wesentliche Ziel der Untersuchungen war die Va- lidierung der Systemparameter der Abluftfassade, um die gewünschte Funktionalität – eine Reduzierung der raumseitigen Kühllast – bestmöglich sicherzustellen. Hierzu wurde zunächst die Spaltbreite des unteren Abluftschlitzes am Doppelboden zwischen Screen und Verglasung optimiert. Ein wichtiger Parameter ist der freie Querschnitt des oberen Nachströmspaltes, durch den die Abluft des Büroraumes in den Zwischenraum Screen/Verglasung gesaugt wird. Ist dieser zu großzü- gig dimensioniert, findet eine Rückströmung der solar erwärmten Luft in den dahinterliegenden Büroraum statt, wodurch sich im Kühlfall der Energiebedarf erhöht. Im Rahmen der Messungen an unterschied- lichen Screen-Materialien zeigte sich, dass bei einer zu starken Perforation des Textilgewebes die Abluft nicht mehr wie gewünscht über den oberen Nach- strömspalt angesaugt wird. Stattdessen strömt sie bereits zu einem großen Anteil durch den unteren Bereich des Textils nach. Hierdurch kommt es eben- falls zu einer Rückströmung der erwärmten Luft aus dem oberen Teil der Abluftfassade in den Büroraum. Weitere Optimierungspotenziale zeigen sich durch die Verwendung von Screen-Materialien mit einer raumseitigen Low-E-Beschichtung (Beschichtung mit niedriger Wärmeemissivität). Hierdurch reduziert sich die Wärmeabstrahlung des Sonnenschutzes an den Büroraum, was sich positiv auf das fassadennahe Raumklima auswirkt. Durch Variationen beim Abluft- volumenstrom bzw. des Screenabstandes zur Fassade kann eine weitere Optimierung des Gesamtsystems bezüglich der Luftströmung im Zwischenraum Screen/ Verglasung durchgeführt werden. Integraler Planungsprozess Die Messdaten aus den Untersuchungen wurden dem am Bau beteiligten Planungsteam (Architekt, Fassa- den- und TGA-Planer) zur Validierung ihrer Simulations- modelle bzw. Rechenansätze zur Verfügung gestellt. Anhand der messtechnisch validierten Modelle lassen sich so zuverlässigere Aussagen zur Funktion neuer, komplexer Fassadensysteme ableiten. Kostensicher- heit im Aufbau, Vermeidung von kostenintensiven Nachbesserungen, Erleichterungen bei der Inbetrieb- nahme des Gebäudes und Sicherheit hinsichtlich der Betriebskosten sind nur einige Vorteile dieses Pla- nungsprozesses. Darüber hinaus erhalten Bauherr und beteiligte Planer die Möglichkeit, die Fassade und den dahinter liegenden Büroraum anhand des Mock-ups bereits im Vorfeld optisch und funktional zu begutach- ten. Das Gebäude und die späteren Büroräume werden so bereits im Planungsprozess »erlebbar«. Danksagung Wir bedanken uns bei unserem Projektpartner FESTO AG & Co. KG und dem Planungsteam für die gute und konstruktive Zusammenarbeit im Rahmen dieser Untersuchung. M.Eng. Michael Eberl ist seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in der Arbeitsgruppe Evaluierung und Demonstration. michael.eberl@ibp.fraunhofer.de Prof. Dr.-Ing. Gunnar Grün leitet die Abteilung „Energieeffizienz und Raumklima” am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP und ist außerdem Professor für „Systemintegration effiziente Gebäude“ an der Technischen Hochschule Nürnberg mit Tätigkeit am Energie Campus Nürnberg. gunnar.gruen@ibp.fraunhofer.de Dipl.-Ing. Herbert Sinnesbichler ist Leiter der Arbeitsgruppe Evaluierung und Demonstration in der Abteilung Energieeffizienz und Raumklima des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik. herbert.sinnesbichler@ibp.fraunhofer.de
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