„nachhaltige technologien 3|2016"
itte Dezember 2015 ging die Klimakonferenz von Paris zu Ende. Viele Beobachter betrachten diese Konferenz als letzte Gelegenheit, das 2°C Ziel noch zu erreichen. Dies mag manchen übertrieben erscheinen. Doch das ist es nicht, wenn man die drei Dimensionen der Klimadebatte ernst nimmt: die ethische, die physi- kalische und die politisch–ökonomische. Eine ethische Grundregel lautet: handle so, dass dein Handeln Grundlage einer allgemeinen Maxime werden kann. Mit dem Festhalten an dem aktuellen Energie- system ignorieren die Industrieländer diesen Grund- satz. Denn die Verbrennung riesiger Mengen fossiler Energieträger beschleunigt den Klimawandel. Damit werden die Lebensbedingungen kommender Generati- onen radikal verschlechtert. Der Wohlstand heute wird auf Kosten der Zukunft erkauft. Dies ist schlechtweg unmoralisch. Ein friedvolles Zusammenleben zwischen Völkern und auch über Generationen hinweg kann nur bei Einhaltung ethischer Grundsätze gelingen. Die physikalischen Grundlagen der Klimaentwicklung werden seit Jahrzehnten erforscht. Ein Ergebnis dieser Arbeiten ist das Konzept des Kohlenstoffbudgets. Es besagt, dass die Menschheit in diesem Jahrhundert nur eine limitierte Menge an fossilem Kohlenstoff emittieren darf, wenn eine Erwärmung über 2°C vermieden werden soll. Legt man diese Menge auf Jahre und die Weltbevölkerung um, so ergibt sich ein Eimissionsvolumen von 1,6 Tonnen je Kopf und Jahr mit einer gewissen Schwankungsbreite. Österreich emittiert derzeit etwa fünf Mal mehr an Kohlenstoff als es diesem Budget entspricht. Das Budget, das für 80 Jahre reichen sollte, wird schon in weniger als 20 Jahren aufgebraucht sein. Es kann nur eingehalten werden, wenn Österreich sofort die Weichen für einen drastischen Rückgang der Emissionen stellt. Dazu kommt, dass dieses Budget für eine Erwärmung um 2°C berechnet wurde. Der Ausstieg aus den fossilen Energien müsste noch wesentlich früher erfolgen, wenn die Erwärmung unter 1,5°C bleiben soll! Der für die Klimaentwicklung entscheidende Para- meter ist der Gehalt an CO 2 in der Atmosphäre. Ein Gehalt von 350 ppm CO 2 verursacht kaum Klimaprob- leme, ein Überschreiten der 400 ppm Grenze ist ein Alarmsignal; wenn einmal der CO 2 Gehalt auf 420 ppm steigt, wird eine Beschränkung der Erderwärumg um 2°C praktisch unerreichbar. Nun, im Jahre 2014 wurde erstmals der Wert von 400 ppm überschritten und im Mai 2016 wurden sogar schon 407 ppm CO 2 in der Atmosphäre gemessen. Diese Messergebnisse zeigen: die Alarmstufe rot ist erreicht. Eine Stabilisierung des CO 2 - Niveaus unter 420ppm ist nur mehr erreichbar, wenn buchstäblich sofort wirksame Maßnahmen zur Sen- kung der Emissionen gesetzt werden. Jeder Monat zuwarten ist für immer verloren. Damit kommen wir zur politisch – ökonomischen Di- mension der Klimadebatte und zu den Ergebnissen der Konferenz von Paris. Die aufgezeigten Fakten waren die Grundlage der Verhandlungen in Paris. Die Ergeb- nisse sind wegweisend: 195 Länder haben einstimmig beschlossen, die Erwärmung auf unter 2°C zu be- schränken, angestrebt werden sogar höchstens 1,5°C Erwärmung. Die Verwendung fossiler Energien soll bis zur Mitte des Jahrhunderts weitgehend auslaufen; daraus folgt, auch wenn dies so nicht im Text steht, die erneuerbaren Energien werden zur neuen Norm. Die reichen Länder sollen bei diesem Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft vorangehen. Im Klartext: Länder wie Österreich sollten schon vor 2045 auf fossile Energien verzichten. Allerdings, in Paris wurden keine Sanktionen vereinbart, sondern ein Prozess. Alle fünf Jahre wird evaluiert und die Maßnahmen verschärft, wenn dies notwendig ist. Paris war ein großer Erfolg, mehr ist von einer globalen Konferenz, bei der das Prinzip der Einstimmigkeit gilt, nicht zu erwarten. Die Verantwortung für die Umsetzung liegt bei den Nationalstaaten, sie allein haben auch die Kompe- tenz, wirksame Maßnahmen zu beschließen. Und was ist seit Paris geschehen? Die Treibhausgasemissionen in Europa und auch in Österreich steigen wieder, der tiefe Ölpreis begüns- tigt die zunehmende Verwendung fossiler Energien, durch das Fluten der Märkte mit billigem Öl führen die Ölländer die Ziele der Klimapolitik ad absurdum, und viele nicken zustimmend. Gleichzeitig werden die Meldungen über Naturkatastrophen, seien es Brände in Kanada oder lebensbedrohende Unwetter in Deutschland im Frühjahr 2016 immer alarmierender. In Österreich wurde im Mai im Umweltausschuss des Parlaments ein Antrag zur Vorbereitung einer ökolo- gischen Steuerreform mit Mehrheit abgelehnt. Die Botschaft von Paris ist bis jetzt in der realen Welt noch nicht angekommen. M Nach der Klimakonferenz von Paris Heinz Kopetz
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