„nachhaltige technologien 03 | 2022"

Die Initiative und das Denken des NEB (New European Bauhaus) kann einen wesentlichen Paradigmenwech- sel im Denken der europäischen Institutionen und insbesondere der Kommission einleiten. Der Themenkreis Energie und Nachhaltigkeit wurde auf dieser politischen Ebene und in den maßgebli- chen Richtlinien bislang rein quantitativ betrieben. Durch Zählen von Energieverbrauch, Wärmedurch- gangszahlen, Lüftungsraten etc. war die Dominante des Einflusses der Baustoffindustrie und der techni- schen Gebäudeausrüster klar erkennbar. Mit dem neuen Bauhaus kann nun ein umfassender, gesamthafter Ansatz im Denken von Planung und Gestaltung in den Vordergrund treten. Beginnend so wie beim Baukulturthema mit Raumplanung, Verkehr, Infrastruktur, der Gestaltung der Landschaft und der Freiräume, bei der Dimension des urbanen Planens und der öffentlichen Räume, der Gestaltung der Bebauungen, ihrer Dichte und Ausrichtung bis dann schlussendlich zum einzelnen Gebäude, welches in diese Strukturen eingebettet ist und sich zum Teil auch daraus ableitet. Im Grunde lösen sich hier die vermeintlichen Wider- sprüche der einzelnen Planer auf dem Gebiet des Bauens auf, da keiner allein diese umfassende Denkweise abzudecken imstande ist, sondern inter- disziplinäres Arbeiten gefordert und notwendig wird. Ein Aspekt rückt in der Diskussion der letzten Zeit auch stärker in den Vordergrund. Adaptive Re-Use, also Weiter-, Neu- und Umnutzung von Bausubstanz an Stelle der doch weit üblichen Methode des Abbruchs und der vollständigen Neuer- richtung von Gebäuden. Klar wird das nicht immer umsetzbar sein, aber es geht um den Paradigmenwechsel in der Haltung: Abbruch nur als Ausnahme und nicht als Normalfall. Ähnlich liegen die Dinge in Bezug auf raumplanerische Widmung. In der Schweiz besteht nun seit einigen Jahren ein Widmungsverbot für neues Bauland, durchaus möglich und lebbar, ohne Krisen zu verursa- chen. Gerade Österreich mit der größten Pro-Kopf- Versiegelung der Böden sollte hier den gleichen Schritt tun. Und mit der abschließenden Forderung des langjährigen Direktors des Architekturzentrums Wien, Dietmar Steiner, „kein Raum unter drei Meter Raumhöhe“ möchte ich diesen Text abschließen. rung der Energieeffizienz von Gebäuden veröffentlicht (Renovation Wave). Die Kommission beabsichtigt, die Renovierungsquote in den nächsten zehn Jahren mindestens zu verdoppeln und durch Renovierungen für mehr Energie- und Ressourceneffizienz zu sorgen. Bis 2030 könnten so 35 Millionen Gebäude renoviert und bis zu 160 000 zusätzliche grüne Arbeitsplätze im Baugewerbe geschaffen werden. "Next Generation EU" ist ein Aufbauplan für Europa, um gestärkt aus der Covid-19-Pandemie hervorzuge- hen, und Wirtschaft und Gesellschaft umzugestalten. Dafür stehen mehr als 800 Mrd. Euro an Investitions- summe zur Verfügung. Die „Neue Europäische Bauhaus-Initiative“ als Impuls Bei ihrer Rede zur Lage der Union 2020 hat die Präsi- dentin der Kommission, Ursula von der Leyen, nicht nur den Green Deal und und die Next Generation EU-Initiative angekündigt, die eine europäische Re- novierungswelle auslösen und die Union zu einem Spitzenreiter in der Kreislaufwirtschaft machen soll, sondern auch die Errichtung eines neuen Europäi- schen Bauhauses angeregt - „einen Raum, in dem Architekten, Künstler, Studenten, Ingenieure und De- signer gemeinsam und kreativ an diesem Ziel arbei- ten“ (Zitat Ursula von der Leyen). Und die Initiative entwickelt sich, es gibt eine große Anzahl an Organisationen und Initiativen, die hier Partner geworden sind, es gab bereits zwei Folgen eines „New European Bauhaus“-Preises (2021 und 2022) und es entsteht eine gewaltige Sammlung von Beispielprojekten in ganz Europa. Aus einer von der Spitze der EU angeregten Top-down-Initiative soll und kann es gelingen, eine Verbindung mit der Basis un- serer Gesellschaften herzustellen, eine unabdingbare Voraussetzung für ein Gelingen. Georg Pendl ist Architekt und Präsident des Architects‘ Council of Europe (ACE) Das gemeinschaftliche Wiener Wohnprojekt „Gleis 21“ erhielt 2022 den „New European Bauhaus“-Preis in der Kategorie „Regaining a sense of belonging“. Die Preise stehen beispielhaft für die Werte des Neuen Europäischen Bauhauses: Nachhaltigkeit, Integration und Ästhetik Foto: Hertha Hurnaus LEITARTIKEL 5 4

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