„nachhaltige technologien 1|2017"

25 24 Herausforderungen und Chancen für „Urban Production“ Diese so genannte „Urban Production“ (Industriepro- duktion in Städten) bietet Potenzial für viele Vorteile: unter anderem eine synergetische Integration der In- dustrie in unseren Städten, kurze Transportwege von Produkten vom Produktionsstandort zum Verkaufs- standort und zu Konsumenten oder eine Reduktion der CO 2 -Emissionen aus dem Güterverkehr. Auf Grund der höheren Kosten von Grundstücken im städtischen Bereich im Vergleich zu ausgewiesenen Industriezonen wird sich jedoch die Frage stellen, welche Produktionsschritte so wertschöpfend sind, dass eine urbane Produktion wirtschaftlich ist. Dabei ist eine effiziente Produktion in Bezug auf Ressourcen und Energie mitentscheidend, weil dadurch Betriebs- kosten signifikant reduziert werden können. Neben technologischer Optimierung der Produktionsprozes- se durch Einsatz intensivierter Prozesstechnologien wird durch die Einbindung des Produktionsbetriebs in bestehende Versorgungsnetzwerke, wie zum Bei- spiel Ferngas, eine zusätzliche (nachhaltige) Wert- schöpfung erzielt und so die Betriebskosten weiter optimiert. Umsetzungsbeispiele Ein Beispiel für die Integration von Industriebetrieben in das Fernwärmenetz ist die Stadt Graz, die das Ziel verfolgt, den Anteil der Abwärme aus Industriebetrie- ben in der Wärmeversorgung deutlich zu steigern. Im Rahmen der Umstrukturierung der Fernwärmeversor- gung durch Integration der Abwärmenutzung (z. B. aus einer Papierfabrik und einem Stahlwerk), durch Solaranlagen im Stadtgebiet und Biomasseheizwer- ke wird der Anteil erneuerbarer Energiequellen in der Fernwärme mittelfristig auf 50 % steigen (siehe Artikel „Fernwärme als Schlüssel für die städtische Wärmewende“ in dieser Ausgabe). Darüber hinaus werden innovative Projekte wie zum Beispiel „Arbeiten und Wohnen in Graz-Reininghaus“ unter der Mitwirkung von AEE INTEC einen wichtigen Beitrag liefern, Ressourcen aus Industriebetrieben, die bis dato als Abfall und Abwärme entsorgt worden sind, sinnvoll wiederzuverwenden. In Graz-Reining- haus wird ein vielfältiges Konzept zur Nutzung von Abwärme und Gewinnung von Biogas aus Abwässern einer Mälzerei entwickelt. Mittels Wärmepumpe soll diese Abwärme zur Warmwassererzeugung und für die Heizung der anliegenden Wohnquartiere verwendet werden. Das Abwasser der Mälzerei besitzt außerdem eine hohe Fracht an Kohlenstoff, der mittels spezieller Biogastechnologie in Methan umgewandelt werden kann. Das Konzept sieht vor, das so erzeugte Biogas mittels Kraft-Wärme-Kopplung in Strom und Wärme umzuwandeln und in der Folge sowohl innerbetrieb- lich als auch für die angrenzenden Wohnquartiere zu nutzen. Eine Fabrik in der Nähe von Wohnanlagen wird noch strengere Umweltauflagen erfüllen müssen als eine Produktionsstätte in einer Industriezone. So sind vor allem Lärm- und Staubbelastungen durch An- und Abtransport von Gütern heikle Bereiche, die ein Kon- fliktpotential mit Anwohnern darstellen. Das höhere Güter-Verkehrsaufkommen durch LKW zur Belieferung der neuen Produktionsanlage in der Innenstadt von Dresden der 2002 errichteten „Gläsernen Manufaktur“ der Volkswagen AG wurde durch den Einsatz einer „CarGoTram“ gelöst. Dabei wird das Frachtgut an- statt mit Lastwagen mit einer eigenen Straßenbahn transportiert. Mit Ausnahme der Karosserien werden nun alle Bauteile mit der CarGoTram vom VW-Logis- tikzentrum am Bahnhof Dresden-Friedrichstadt zur Fabrik gebracht. Zukünftige urbane Wasser-, Nährstoff- und Nahrungskreisläufe Nicht nur in der Industrie sind Ressourcenströme vor- handen, die derzeit vielfach als Abfall entsorgt wer- den. Abwasserströme aus Haushalten sind ebenfalls als Beispiel zu nennen: Abwasser aus Wohnungen und Häusern enthält große Mengen an Nährstoffen (Natrium, Phosphor, Kalium) und chemisch gebunde- ner Energie. Dezentrale Lösungen, um diese Kompo- nenten effektiv und nachhaltig zu erhalten und das Abwasser zu reinigen und wieder direkt zur Verfügung zu stellen, können hier einen neuen Ansatz liefern. Im niederländischen Sneek werden mittels ange- passter Infrastruktur Grau- (Dusch- und Spülwasser) INDUSTRIELLE PROZESSE UND ENERGIESYSTEME “Nachhaltige, integrierte Stadtentwicklung ist aus Sicht der Stadtbaudirektion Graz mehr als die Summe emissionsarmer, ressourcenschonenden und energieeffizienter Ver- und Entsorgungsinfra- strukturen. Ein zentraler Aspekt für die Stadt Graz in ihrer Smart City Strategie ist ein fairer Ausgleich zwischen privaten und öffentlichen Interessen. Ziele in den aktuellen Grazer Smart City Stadtentwicklungsprojekten sind neben dem verantwor- tungsvollen Umgang mit sämtlichen urbanen Ressourcen kompakte Quartierstrukturen mit urbaner Mischnutzung, ein attraktiver öffentlicher Raum sowie höchste Lebensqualität für die BewohnerInnen. Dabei ist AEE INTEC mit Innovationen und konkreten Umsetzungsideen ein wichtiger regionaler Partner, um Graz weiter als nachhaltigen, lebenswerten Standort zu positionieren.“ Mag. Christian Nußmüller, Stadtbaudirektion Graz

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