„nachhaltige technologien 2|2017“

Energie 2.0: Was versäumt Österreich? ie meisten Diskussionen um die österreichische Energie- und Klimastra- tegie ähneln einem Journalisten, der die Qualität eines Restaurants zu testen hat und sich dafür beim Lieferanteneingang aufstellt. Vermerkt und berichtet wird die Menge der angelieferten Inputs in Form von Lebensmitteln samt deren Bio-Anteil. Unbeachtet bleibt, was damit weiter geschieht. Was bei diesem Restaurant-Tester wohl als Fehlein- schätzung eingestuft wird, ist aber der Normalfall bei Diskussionen um die Zukunft des Energiesystems: Statt zu fragen, WOFÜR Energie letztlich gebraucht wird, dominiert immer noch das WIEVIEL samt der Forderung nach möglichst hohen Mengen an Erneuerbaren. Was sich in Österreich noch immer nicht weit her- umgesprochen hat: Dieses Mindset der Version 1.0 hat aber schon längst ein Ablaufdatum erreicht und wäre durch die Version 2.0 zu ersetzen. Dazu einige Orientierungen. Das neue I-Mindset Essentiell sind dafür die Vokabel Inversion, Integra- tion und Innovation. Sie ersetzen die geläufigeren E-Vokabel, nämlich Erneuerbare, Effizienz und Ener- giewende. Nicht weil diese falsch sind, sondern weil sie weniger tauglich für die bevorstehenden radikalen Veränderungen sind. > Inversion bedeutet das Energiesystem gleichsam umgekehrt zu sehen: Nicht mehr der Input von Primär- energie ist der Startpunkt sondern die letztlich wohl- standrelevanten Dienstleistungen: die Temperierung der Gebäude, der Zugang zu Personen und Gütern, sowie die Beleuchtung von Räumen und der Betrieb der Elektronik. > Integration macht aufmerksam, dass durch Einbe- ziehung aller Komponenten des Energiesystems – vom Gebäude bis zur Transformation von Primärenergie samt den damit verbundenen Netzen und Speichern – viele Synergien und damit Steigerungen bei der energetischen Produktivität gewonnen werden können. > Innovation öffnet sich für die disrup- tiven Veränderungen, die sich für alle Ebenen und Bereiche des Energiesystems abzeichnen: Fahrzeuge werden nicht nur vollelektrische Antriebe bekommen, sondern sich auch autonom steuern; neue elektrische Speicher könnten genauso selbstverständlich in den Haushal- ten werden wie ein Kühlschrank; die Unterscheidung zwischen Versorgern und Verbrauchern von Energie beginnt sich aufzulösen. Die drei Handlungsfelder Die sich abzeichnenden radikalen Veränderungen im Umgang mit Energie finden in drei Bereichen statt, die damit gleichzeitig im Sinne des I-Mindsets die Hand- lungsfelder für alle mit Energie zusammenhängenden Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Haushalten festlegen. > Multifunktionale Gebäude werden zur neuen Infra- struktur für Energie, weil sie in der Lage sind, nicht nur mehr Energie einzusammeln als sie selbst brauchen, sondern weil sie auch eine Rolle als Ort für elektrische und thermische Speicher übernehmen können. > Verschränkte Mobilität wird als Zugang zu Perso- nen, Gütern und Orten verstanden, wofür nicht immer mehr eine Verkehrsbewegung erforderlich ist, wenn man an die immer attraktiver werdenden Technologi- en für Kommunikation einbezieht. Die bestehenden Verkehrsträger – von den Wegen für Fußgeher und Radfahrer, bis zum Straßen- und Schienenverkehr – werden eng miteinander vernetzt und redundante Mobilität eliminiert. > Integrierte Netze verbinden von der Anwendung von Energie in Gebäuden, Mobilität und Produktion bis zur Bereitstellung und Speicherung von Energie alle Kom- ponenten. Diese Vernetzungen finden auf immer klei- neren Strukturen statt und sind auch für Elektrizität, Wärme und Gas bidirektional, d.h. nicht mehr streng nach Einspeisern und Abnehmern unterscheidbar. Stefan Schleicher D

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