„nachhaltige technologien 03 | 2020"
Wohn- und Siedlungsgenossenschaft Neues Leben und M2plus-Immobilien ein in vielerlei Hinsicht neuartiges Wohnquartier geschaffen. Unweit der U-Bahnstation Stadlau und gleichzeitig am Ein- gangstor zum Erholungsgebiet Lobau befindet sich das Projekt MGG22. Die Anlage verfügt über ca. 160 Mietwohnungen in den unterschiedlichsten Grö- ßen. Bei einem Drittel der Objekte handelt es sich um geförderten Wohnbau. Auf insgesamt 4 Bauplätzen wurde ein grundstücks- übergreifendes städtebauliches Konzept umgesetzt, das sich durch vier zentrale Freiflächen, eine offene kleinteilige Gebäudestruktur und einen nachbar- schaftlichen Gemeinschaftsgarten charakterisiert. Ein für das Vorhaben prägender Leitgedanke war, nicht nur zeitgemäßen Wohnraum, sondern zukunfts- weisenden Lebensraum zu schaffen, der auch in der Freizeit zum Verweilen einlädt und damit dem Trend der Stadtflucht ins grüne Umland entgegenwirkt. Die meist nach Süden und Westen ausgerichteten Balkone und Terrassen der querlüftbaren Wohnungen (Nachtlüften) können begrünt und bepflanzt wer- den. Stahlstrukturen, Pergolen, Niro-Seile etc. sind bauseits vorgesehen. Dem Motto der „essbaren Stadt“ folgend, sind die gemeinschaftlichen Freiflä- chen sowie die Abgrenzungen von privaten Freiflä- chen zum halböffentlichen Raum mit Obstbäumen, Beerensträuchern und Kräuterbeeten gestaltet. Spiel- plätze, Sitzgruppen, Gemüsebeete, das naheliegende Mühlwasser und schließlich das Erholungsgebiet der Lobau bieten den Bewohner-innen und Bewohnern aller Altersgruppen unzählige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Ausschließlich Erneuerbare Energie zur Energieversorgung Ein Alleinstellungsmerkmal von MGG22 stellt sein innovatives Energiekonzept dar, welches von FIN – Fu- ture is Now, Kuster Energielösungen GmbH entwickelt wurde. Eine zentrale Komponente ist die thermische Bauteilaktivierung der Zwischendecken, wobei die Stahlbetondecken wirklich im Kern und nicht nur in der äußeren Bauteilschicht aktiviert werden. Die Wohnungen mit einem HWB von 24 bis 28 kWh/m²a können dadurch sowohl geheizt, als auch moderat gekühlt werden. Die Wärmeabgabe nach dem Strah- lungsprinzip wird als besonders angenehm empfun- den. Die Energiebereitstellung erfolgt über neun kompakte Wärmepumpen mit einer Heizleistung von gesamt 300 kW, die den zehn Stiegen zugewiesen sind. Stiege 3 und 4 nutzen gemeinsam eine Wärme- pumpe. Als Quelle bedienen sie sich des Erdreichs neben und unter den Gebäuden. Dazu wurden 30 Erdwärmesonden mit einer Länge von jeweils ca. 150 Metern abgeteuft. Weitere wichtige Elemente des Energiesystems sind die hocheffiziente, dichte Gebäudehülle, mit einem U-Wert der Außenwände von 0,16 W/m²K, die Bauteil-Speichermassen, denn Stahlbeton wird nicht nur in den Deckenbereichen sondern auch in den tragenden Innen- und Außen- wänden verwendet, außenliegender Sonnenschutz und die Nutzung von überschüssigem Windstrom. Die Warmwasserbereitung erfolgt mittels Woh- nungsübergabestation aus einem zentralen Speicher je Haustechnikraum. Der Speicher wird bei Bedarf zweimal täglich in festen Zeitfenstern beladen, in denen die gesamte Leistung der Wärmepumpen aus- schließlich der Warmwasserbereitung auf ca. 65 °C zur Verfügung stehen. Außerhalb dieser Zeiten wird ausschließlich geheizt oder gekühlt. Durch eine frühzeitige integrierte Betrachtung bau- physikalischer und haustechnischer Aspekte, vor al- lem der Wechselwirkung von Energiebedarf, internen Lasten und Speicherwirksamkeit, konnten sowohl der Energiebedarf als auch die zu installierende Heizleis- tung erheblich reduziert werden. Das System bringt geringfügig höhere Mehrkosten bei der Investition mit sich als vergleichbare konventionelle Lösungen, bedingt vor allem durch das Sondenfeld. Demgegen- über stehen aber deutlich niedrigere laufende Kosten im Vergleich zu klassischen Lösungen, die direkt oder indirekt von fossiler Energiezulieferung abhängig sind. Aufgrund der Regeneration der Erdsonden in der warmen Jahreszeit und der konstanten Senkentem- peratur der Räume ist ein sehr effizienter Betrieb der Wärmepumpen möglich. Im Heizbetrieb wird eine Jahresarbeitszahl von knapp 4 erreicht, im freien Kühl- betrieb ist die Arbeitszahl größer 15. Im Jahresschnitt können so über 80 Prozent des Energiebedarfes für Heizung, Kühlung und Warmwasser kostenlos aus dem Erdreich vor Ort gewonnen werden. Die restlichen 20 Prozent, die elektrische Antriebsener- gie der Wärmepumpe, werden vornehmlich aus Wind- strom bereitgestellt, der sonst zum Zeitpunkt seiner Gestehung nicht abgenommen würde. Der Windpark kann so konstanter betrieben werden, die Windräder müssen nicht eingebremst oder aus dem Wind gedreht werden und MGG22 profitiert von günstigerem Strom. Foto: Stadt Wien / C. Fürthner
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