„nachhaltige technologien 03 | 2020"
Kühlen ganz ohne klimaschädliche Stromfresser Bei der installierten Heizungsanlage werden die Heiz- bzw. Kühlkreise in den Wohnungen ganzjährig so geregelt, dass diese in einem Temperaturbereich von 23 °C plus/minus 1,5 K konditioniert werden. In der warmen Jahreszeit wird die überschüssige Raumwär- me mittels freier Kühlung ins Erdreich eingebracht. Ein Erfolgsgeheimnis des Konzeptes besteht darin, die schweren Gebäudemassen ganzjährig auf einer relativ konstanten Temperatur zu halten. Bei MGG22 werden rund 12 000 m² Zwischendecken und oberste Geschoßdecken thermisch aktiviert. Bei einer Deckenstärke von 25 cm entspricht das einem Stahlbeton-Volumen von 3000 m³. Das ergibt eine Masse von 7200 Tonnen thermisch bewirtschaftetem Speicher. Diese träge Speichermasse steht in einem thermodynamischen Gleichgewicht mit den Räumen und gibt ihre gespeicherte Wärme nur dann ab, wenn die Raumtemperatur sinkt. Aufgrund seiner Trägheit und seiner hohen Speicherkapazität ist das Gebäude weitestgehend unempfindlich gegenüber raschen Temperaturänderungen (z. B. Tag-Nacht-Temperatur- gefälle). Damit ist es unerheblich, wann das Gebäude geheizt wird. Die Konditionierung kann sich immer an der Verfügbarkeit von Windstrom-Überschüssen orientieren. Messungen bei vergleichbaren kleineren Konzepten haben gezeigt, dass die Gebäude eine zulässige Raumtemperatur auch im Winter für knapp eine Woche ohne Heizen halten können, bevor sie übliche festgelegte untere Komfort-Grenztempera- turen unterschreiten. Demgegenüber stehen Wind- messungen, die zeigen, dass sich zwischen nötigem Heizbetrieb und Windaufkommen Gleichzeitigkeiten von über 75 Prozent ergeben. Die erste Heizsaison (Winter 2019/20) wurde bereits erfolgreich bewältigt. Aktuell bestätigen zahlreiche positive Rückmeldungen der Bewohnerinnen und Bewohner, dass die Wohnungen den sommerlichen Spitzentemperaturen trotzen. Das Projekt wird auch im Rahmen eines umfassen- den Energie-Monitorings evaluiert. Erste Ergebnisse werden gegen Ende des Jahres 2020 vorliegen. Mit repräsentativen Erkenntnissen ist nach dem zweiten Betriebsjahr zu rechnen, wenn Baurestfeuchten ge- trocknet und das Energiesystem richtig einjustiert ist. Pionierprojekt MGG22 – zur Nachahmung empfohlen Das Projekt MGG22 zeigt, dass klassische Energielö- sungen heute in vielerlei Hinsicht überdacht werden müssen. Das System bietet eine Antwort auf die wichtige Frage nach der Speicherbarkeit von volatil gewonnenem Strom. Ferner zeigt sich, dass es auch im sozialen Wohnbau und im urbanen Kontext heute bereits möglich ist, Gebäude sommertauglich und dabei ausschließlich erneuerbar zu versorgen. MGG22 setzt in puncto Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern, Reduktion der Energiekosten und Lebensqualität neue Maßstäbe und will nachgeahmt werden. Die Technologien sind allesamt verfügbar, der Bedarf sie einzusetzen ist größer denn je. Nun fehlt nur mehr ein bisschen Mut, die Komfortzone zu verlas- sen und einen Schritt in Richtung Zukunft zu wagen. AkteurInnen, Fördergeber und beteiligte Unternehmen Neues Leben Gemeinnützige Bau- Wohn- und Sied- lungsgenossenschaft Reg. Gen.m.b.H., M2plus Immobi- lien GmbH, Architekt Dipl.-Ing. Alfred Charamza, Sophie und Peter Thalbauer Architektur, Thaler Thaler Architek- ten, rajek barosch landschaftsarchitektur, FIN - Future is Now Kuster Energielösungen GmbH, wohnbund:consult, WEB Windenergie AG, Stadt Wien - Energieplanung, Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie "Gerade im Hinblick auf die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien spielen Gebäude eine wichtige Schlüsselrolle. Sonne und Windkraft sind die bedeutendsten Energieträger der Zukunft, doch schwanken sie in ihrem Aufkommen. Daher sind Flexibilität und Speicherpotenziale wichtig. Dabei sorgt das Erdreich für den saisonalen Ausgleich, und die Betonteile des Gebäudes schaffen einen kurzfristigen Ausgleich." Bernd Vogl, Abteilungsleiter der Energieplanung der Stadt Wien Thomas Kreitmayer, MSc, ist in der Wiener Magistratsabteilung 20 – Energieplanung tätig. Weiterführende Informationen / Links im E-Paper https://www.wien.gv.at/kontakte/ma20/pdf/hocheffiziente-gebaeude.pdfund https://www.mgg22.at/ Foto © Stadt Wien/C.Fürthner 17 16 INNOVATIVE DEMONSTRATIONSGEBÄUDE
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MzkxMjI2