„nachhaltige technologien 03 | 2024"

m 21. März luden die Internationale Atomenergie- organisation und die belgische Regierung zu einem Atomgipfel nach Brüssel ein. Mehr als 30 Regierungen kündigten dort an, die Kernenergie bis 2050 zu verdreifachen, unter anderem mit alternativen Reak- torkonzepten, die noch gar nicht entwickelt oder gar auf dem Markt sind. Gleichzeitig propagieren einige Länder den Ausbau der Kernenergie als alternativlose Klimaschutzmaßnahme. Um diese These zu überprüfen, hat das Öko-Institut im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes im Vorfeld der letzten Klimaschutzkonferenz in Dubai zunächst verschiedene globale Klimaschutzszenarien ausgewertet. Dabei wird deutlich, dass es sowohl Szenarien mit einem erheblichen Ausbau als auch mit einem weltweiten Ausstieg aus der Kernenergie gibt, bei denen die Klimaziele erreicht werden. Selbst in Ausbauszenarien liegt der Beitrag der Kernenergie zur Stromerzeugung im Jahr 2050 lediglich zwischen 10 und 20%, während die Erneuerbaren einen hohen Anteil von über 80% aufweisen. Die Analyse zeigt somit, dass Kernenergie nicht notwendig ist, um die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen. Viel wichtiger für den Klimaschutz ist der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien. Wie realistisch ist ein erheblicher Ausbau der Kernenergie eigentlich? Ende 2023 waren in 31 Ländern 412 Kernreaktoren mit einer Gesamtleistung von etwa 370 Gigawatt in Betrieb. In den letzten 20 Jahren wurden weltweit jährlich im Mittel etwa 2.500 TWh an Strom aus Kernenergie erzeugt. Der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromerzeugung ist seit seinem Maximum von 17,6% im Jahr 1996 zurückgegangen und lag 2022 gerade noch bei 9,2%. Die mit Abstand meisten Reaktoren stehen in den USA, gefolgt von Frankreich, China, Russland und Südkorea. Die bestehende Reaktorflotte ist recht alt. Das Durchschnittsalter aller derzeit betriebenen Reaktoren liegt bei knapp 32 Jahren. Die Altersstruk- tur macht deutlich, dass ohne den Zubau neuer Re- aktoren die weltweit installierte Kernkraftkapazität rasch abnehmen würde. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 40 Jahren würde sich die heutige Kapazität bis 2030 nahezu halbieren, bei einer hohen Lebensdauer von 60 Jahren wäre 2050 noch etwa die Hälfte am Netz. Einige Kernenergieländer verfolgen mehr oder we- niger ehrgeizige Programme zum Ersatz oder zur Er- weiterung ihrer Reaktorflotte. Manche Länder planen auch den Einstieg in die Kernenergie, darunter Polen, die Türkei, Bangladesch, Ägypten und Saudi-Arabien. In unserer Studie für das Umweltbundesamt haben wir diese Ausbaupläne analysiert und daraus zwei hypothetische Entwicklungspfade abgeleitet: einen „Basispfad“ und einen „ambitionierten Ausbaupfad“. Die beiden Pfade sollen eine Bandbreite möglicher Entwicklungen aufzeigen. Im Basispfad können neu hinzukommende Reak- toren den alterungsbedingten Rückgang bis 2050 gerade kompensieren, die installierte Leistung der Kernenergie bleibt in etwa auf dem heutigen Niveau, während sie im ambitionierten Ausbaupfad um 2045 mit ca. 500 GW ihren Höhepunkt erreicht. Von einer Verdreifachung der weltweit installierten Kernener- gieleistung wäre man damit noch weit entfernt. A Foto: Öko-Institut Klimaschutz braucht keine Kernenergie Christoph Pistner, Veit Bürger Foto: Öko-Institut

RkJQdWJsaXNoZXIy MzkxMjI2