„nachhaltige technologien 03 | 2024"

massiven Freisetzungen von Radioaktivität. Hundert- tausende Menschen mussten zum Teil dauerhaft umgesiedelt werden. Große Landstriche wurden kontaminiert und müssen aufwendig gereinigt werden oder sind für Jahrhunderte nicht mehr für den Menschen nutzbar. Auch die wirtschaftlichen Folgen schwerer Unfälle sind immens: Berechnungen für einen katastrophalen Unfall in Europa ergeben Folgekosten von einigen hundert bis zu einigen tausend Milliarden Euro. Beim Betrieb von Kernkraftwerken fallen hochradio- aktive Abfälle an. Diese müssen extrem langfristig sicher von der Biosphäre ferngehalten werden. Zu diesem Zweck verfolgen die Staaten die Option der geologischen Endlagerung, wobei bisher kein Staat ein solches Endlager in Betrieb genommen hat. Zwar baut Finnland als erstes Land ein solches Endlager und weitere Staaten sind auf dem Weg dorthin, aber in vielen Staaten hat die Standortsuche noch nicht einmal begonnen. Weiterhin besteht die Gefahr, dass die zivile Nutzung der Kernenergie zur weiteren Verbreitung von Kern- waffen beiträgt, wie z. B. der anhaltende Streit um das iranische Nuklearprogramm zeigt. So erhalten Staaten auch durch die zivile Nutzung Zugang zu Dual-Use-Technologien und -Materialien wie Plutoni- um oder angereichertem Uran und bauen Know-how auf, das für Kernwaffenprogramme genutzt werden könnte. Zwar wird international seit Jahrzehnten an alter- nativen Reaktorkonzepten geforscht. Diese sollen die genannten Probleme reduzieren und darüber hinaus die Kosten der Kernenergie und den Ressour- cenverbrauch senken. Eine aktuelle Analyse solcher Reaktorkonzepte kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass es wahrscheinlich Jahrzehnte dauern wird, die entsprechenden Konzepte zur Marktreife zu entwi- ckeln. Und selbst dann werden einzelne Systeme vielleicht in einigen der genannten Problemfelder Vorteile gegenüber heutigen Reaktoren aufweisen, eine Lösung aller beschriebenen Probleme ist aber von keinem System zu erwarten. Klimaschutzpolitik muss sich daher auf einen ambi- tionierten Ausbau der erneuerbaren Energien und der für ihre Verteilung und Umwandlung notwendi- gen Infrastrukturen wie Stromnetze konzentrieren, nicht auf den Ausbau der Kernenergie. Nukleare Neubauprojekte mit hohen Kosten- und Zeitrisiken verbunden Bei den nuklearen Ausbaupfaden ist zudem zu be- rücksichtigen, dass Neubauprojekte durch ein hohes Maß an Kosten- und Zeitunsicherheit sowie insge- samt lange Planungs- und Bauzeiten gekennzeichnet sind. Beispiele hierfür sind die aktuellen Neubau- projekte in Frankreich und in Großbritannien. So war die Inbetriebnahme des neuen Reaktorblocks am Standort Flamanville in der französischen Normandie ursprünglich für 2012 geplant. Die Inbetriebnahme des Reaktors erfolgt jedoch erst in diesem Jahr und die Kosten haben sich seitdem fast versechsfacht (von ursprünglich veranschlagten 3,3 Mrd. Euro auf zuletzt geschätzte 19,1 Mrd. Euro). Bei den beiden neuen Reaktoren am Standort Hinkley Point an der Westküste Englands wird sich die Inbetriebnahme nach derzeitiger Planung bereits um sechs Jahre verzögern, während sich die ursprünglich veran- schlagten Baukosten bis heute bereits vervielfacht haben. Ein chinesischer Investor hat sich mittler- weile aus dem Projekt zurückgezogen. Vergleichbare Entwicklungen gab es bei allen Neubauprojekten in westlichen Ländern (USA, Finnland). Soll die weltweite Kernenergie bis 2050 tatsächlich verdreifacht werden, müssten ab sofort 25 Jahre lang durchschnittlich mehr als 30 GW neue Kern- kraftwerksleistung pro Jahr in Betrieb genommen werden. Zum Vergleich: In den letzten zehn Jahren wurden jährlich zwischen 3,4 und 10,3 GW neu ans Netz gebracht. In der Geschichte der Kernenergie wurden bisher nur in zwei Jahren mehr als 30 GW in- stalliert. Auch vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass ein signifikanter Ausbau der Kernenergie nicht realistisch ist. Unfallrisiken, ungeklärte Endlagerung, Proliferationsrisiken Die Kernenergie kann als emissionsarme Energie- form nur einen begrenzten Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele leisten. Dem stehen die bekannten Risiken der Kernenergienutzung gegenüber. Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit einem Unfallrisiko verbunden. Bisher kam es in Tschernobyl und Fukushima zu zwei katastrophalen Unfällen mit Dr. Christoph Pistner leitet den Bereich „Nukleartechnik & Anlagensicherheit“ am Öko-Institut e.V., Deutschland. C.pistner@oeko.de Dr. Veit Bürger leitet den Bereich „Energie & Klimaschutz“ am Öko-Institut e.V., Deutschland. V.Buerger@oeko.de Weiterführende Informationen / Links im E-Paper Umweltbundesamt Worldnuclearreport Neuartige Reaktorkonzepte Publikation sustainability LEITARTIKEL 5 4

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