„nachhaltige technologien 04 | 2020"

ie Covid-19 Krise hat mittlerweile allen vor Augen geführt, wie unab- kömmlich Digitalisierung zur Bewäl- tigung unseres Alltags- und Berufs- lebens geworden ist. Der Shutdown mutierte zum Homeoffice, begleitet von Home-schooling, Distance- learning, Video-Konferenzen und Online-Shopping. Bezugnehmend auf die Etappen der industriellen Entwicklung, wie die Erfindung der Dampfmaschine oder die Elektrifizierung, wird im Zuge der Digitalisierung von der 4. Industriellen Revo- lution gesprochen, die Leben und Arbeiten nachhaltig verändern wird. Dem Begriff Industrie 4.0 folgt Arbeit 4.0, wobei unklar ist, welche Rahmenbedingungen und Anforderungsprofile diese kennzeichnen werden. Die quantitativen Folgen des zunehmenden Einsatzes von (neuen) Informations- und Kommunikationstech- nologien werden widersprüchlich antizipiert. Was die Beschäftigungseffekte betrifft, so gehen die einen von einer „digitalen Massenarbeitslosigkeit“ aus. Beispielsweise liegen Prognosen für die USA vor, dass bis zur Hälfte der bestehenden Jobs auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird. 1 Andere relativieren diese Schätzungen und stufen sie als Panikmache ein; sie erwarten, dass vorhandene Be- rufe durch Digitalisierung sich wandeln und zudem neue Tätigkeitsfelder entstehen werden, die länger- fristig zu positiven Arbeitsmarkteffekten beitragen und Beschäftigungszuwachs ermöglichen könnten. 2 Eine für den österreichischen Arbeitsmarkt erstellte Studie kommt zum Schluss, dass – ohne Berücksich- tigung von positiven Beschäftigungseffekten – etwa 9 Prozent der Beschäftigten „ein Tätigkeitsprofil aufweisen, welches ein hohes Potential hat, durch Maschinen ersetzt zu werden“. 3 International recht einhellig fällt der Befund aus, dass das Automatisie- rungs- bzw. Digitalisierungsrisiko im Besonderen für niedrig Qualifizierte, GeringverdienerInnen und Hilfskräfte relativ hoch sein wird. Kontrovers sind auch die Thesen zu den Entwicklungsperspektiven hinsichtlich Tätigkeiten und Qualifi- kationen durch den Digitalisierungs- prozess. Sie schließen das Spektrum „Upgrading“ bis hin zu „Polarisierung“ ein. Upgrading bedeutet eine gene- relle, alle Beschäftigten einschließende Aufwertung der Qualifikation. Es ist jedoch zu befürchten, dass vom Upgrading nur wissensaffine, besser gebildete Personen profitieren und durch „digital divide“ und „digital taylorism“ einer Dequalifizierung Vorschub geleistet wird. Der Begriff Polarisierung 4.0 steht stell- vertretend für eine fortscheitende soziale Spaltung in der Gesellschaft als Ganzes und in der Arbeitswelt: hochqualifizierte, gut bezahlte sowie unqualifizierte, schlecht bezahlte Tätigkeiten oder gar keine Arbeit mehr. Wer nicht mithalten kann, bleibt außen vor. Österreich liegt 2020 auf Basis des „Index für di- gitale Wirtschaft und Gesellschaft“ (DESI – Digital Economy and Society Index) im europäischen Mittelfeld. 4 Mit diesem jährlich erstellten Index versucht die Europäische Kommission den jeweili- gen nationalen Stand der digitalen Entwicklung zu dokumentieren. Die Indikatoren des DESI schließen den Grad der technischen Voraussetzungen (wie z. B. Hochgeschwindigkeitsinternet), die Verfügbarkeit und die private Nutzung des Internets (z. B. Online- Banking), das Ausmaß der Digitalisierung in Unter- nehmen (z. B. Umsatz im elektronischen Handel), den Digitalisierungsgrad öffentlicher Dienste (z. B. E-Government-Nutzer) sowie das Ausmaß der IKT- Kompetenzen der Erwerbstätigen (z. B. grundlegende Softwarekompetenzen) ein. D Foto: Johannes Kepler Universität Linz Christine Stelzer-Orthofer Digitalisierung und Erwerbsarbeit

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