„nachhaltige technologien 04 | 2020"
karisierungsrisiko, da es keine wie immer gearteten Regelungen zu Entgelt, Arbeitszeit etc. gibt. 5 Am Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert standen katastrophale Arbeitsverhältnisse. Im Laufe der Zeit wurden im Interesse der gesamten Gesell- schaft Schutzbestimmungen implementiert, Arbeits- bedingungen in zentralen Dimensionen reguliert und soziale Risiken von Erwerbsarbeit abgefedert. Die politischen AkteurInnen sind nun gefordert, Rahmen- bedingungen für digitalisierte Arbeit 4.0 zu erarbei- ten. Zum einen braucht es jedenfalls ein Minimum an arbeits- und sozialrechtlichen Schutzbestimmungen für plattformbasiertes Arbeiten, zum anderen ist auch dafür Sorge zu tragen, dass arbeitsrechtliche Schutz- bestimmungen durch Homeoffice etc. nicht ausge- hebelt oder die Kosten der Arbeitsplatzausstattung eines Heimarbeitsplatzes als Bringschuld angesehen werden. Arbeit 4.0 braucht Regeln, Gestaltung und Schutz, um eine weitere Polarisierung, mit allen da- mit verbundenen Gefahren für die Gesellschaft und Demokratie, zu verhindern. Der DESI-Index bietet jedoch keinerlei Anhaltspunkte für künftige rechtliche und soziale Rahmenbedingun- gen digitaler Erwerbsarbeit. Die Entwicklung deutet einen massiven Umbruch an, der Bedingungen und Anforderungen an die Arbeitskraft unzweifelhaft verändern wird und zur Verunsicherung breiter Bevöl- kerungsgruppen führt. Ulrich Beck hat schon 1986 auf die Gefahr der sozialen Entgrenzung von neuen Risi- ken aufmerksam gemacht und eine Veränderung des Systems von standardisierter Vollbeschäftigung hin zu einem System flexibel-pluraler Unterbeschäftigung vorhergesagt. Durch die Möglichkeiten der Digitalisie- rung sind Arbeitsort, Arbeitszeit, Arbeitsvertrag und Arbeitsplatz noch flexibler geworden, was mit dem Verlust von Sicherheit und dem Abbau existentieller Schutzfunktionen von Erwerbsarbeit einhergeht. Ein Anstieg von prekären Arbeitsverhältnissen ist die Folge, der sich mit zunehmenden digitalen Möglich- keiten – sofern nicht gegengesteuert wird - tendenziell verstärken wird. Crowdwork ist ein typisches Beispiel für digitalisierte Erwerbsarbeit mit einem hohen Pre- 1 Vgl. Frey Carl Benedikt, Osborne Michael A. (2013): The future of Employment: How susceptible are Jobs to Computerisation? S. 38ff 2 Vgl. Hirsch-Kreinsen Hartmut (2015): Digitalisierung von Arbeit: Folgen, Grenzen und Perspektiven. Soziologisches Arbeitspapier Nr. 43/2015. Dortmund. S. 7f oder Flecker Jörg (2017): Arbeit und Beschäftigung. Eine soziologische Einführung. Wien. S. 217ff 3 Vgl. Nagl Wolfgang, Titelbach Gerlinde, Valkova Katarina (2017): Digitalisierung der Arbeit: Substituierbarkeit von Berufen im Zuge der Automatisierung durch Industrie 4.0. IHS-Projektbericht. Wien. S. 23 4 Vgl. European Commission (2020): Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) 2020. Österreich. https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria?ref=articlearrow 5 Vgl. Sylvia Kuba: Crowdworker – Das neue Prekariat? in: WISO Heft 4/2016, Linz, 86-89 Weiterführende Informationen / Links im E-Paper •Beck Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main •Flecker Jörg (2017): Arbeit und Beschäftigung. Eine soziologische Einführung. Wien •Frey Carl Benedikt, Osborne Michael A. (2013): The future of Employment: How susceptible are Jobs to Computerisation? Online unter https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf. •Hirsch-Kreinsen (2015): Digitalisierung von Arbeit: Folgen, Grenzen und Perspektiven. Soziologisches Arbeitspapier Nr. 43/2015. Dortmund. Online unter https://www.researchgate.net/publication/309405874_Digitalisierung_von_Arbeit_Folgen_Grenzen_und_Perspektiven •Kuba Sylvia (2016): Crowdworker – Das neue Prekariat? in: WISO Heft 4/2016, Linz •Nagl Wolfgang/Titelbach Gerlinde/ Valkova Katarina (2017): Digitalisierung der Arbeit: Substituierbarkeit von Berufen im Zuge der Automatisierung durch Industrie 4.0. IHS-Projektbericht. Wien Online unter https://www.ihs.ac.at/fileadmin/public/2016_Files/Documents/20170412_IHS-Bericht_2017_Digitalisierung_Endbericht.pdf Dr. in Christine Stelzer-Orthofer ist Assistenzprofessorin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität Linz. Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI), Quelle: 2019 publications, DESI country profile (DE) (Online unter https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/austria?ref=articlearrow) 80 70 60 50 40 30 20 10 0 FI SE NL DK UK LU IE EE BE MT ES DE AT EU LT FR SI LV CZ PT HR SK CY HU IT PL EL RO BG Konnektivität Humankapital Internetnutzung Integration der Digitaltechnik Digitale öffentliche Dienste LEITARTIKEL 5 4
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