„nachhaltige technologien 04 | 2025"
2) Ladik – Ein geothermisch-industrielles Hybridmodell In Ladik liefern die lokalen geothermischen Quellen lediglich 28–38 °C, was für den direkten Einsatz in einem Fernwärmenetz zu niedrig ist. Im Rahmen von S-GeoHeat wurde diese Herausforderung in einer theoretischen Studie untersucht, die das Konzept der Kombination von niedergradiger Geothermie mit ver- fügbarer industrieller Abwärme aus dem nahegelege- nen Zementwerk Akçansa beleuchtete. Dieser hybride Ansatz könnte prinzipiell die Vorlauftemperaturen auf ein für Niedertemperatur-Fernwärme geeignetes Ni- veau anheben (bis zu 55 °C). Auch wenn keine direkte Umsetzung in Ladik vorgesehen ist, verdeutlicht die Studie, wie industrielle Symbiosen konzeptionell geothermische Ressourcen nutzbar machen können, die sonst ungenutzt blieben. 3) Rohrbach – Digitaler Zwilling für den smarten Betrieb Der Standort Rohrbach in Oberösterreich ist nicht geothermiebasiert, übernimmt jedoch eine zentrale Rolle bei der Untersuchung von Digitalisierungs- lösungen in der Fernwärme. Regler liefern alle fünf Minuten Live-Daten an eine Plattform, die als Grundlage für einen digitalen Zwilling dient. Dieser ermöglicht Tests von KI-gestützten Übergabestatio- nen, Strategien zur Vorlauftemperatur-Optimierung sowie Blockchain-basiertes Monitoring. So werden Steuerungskonzepte praxisnah geprüft, bevor sie in der Türkei umgesetzt werden. Netzgestaltung: Effizienz beginnt beim Endverbraucher Der Erfolg eines Niedertemperaturnetzes hängt nicht allein von der Quelle, sondern ebenso von der Verteilinfrastruktur und der Verbraucherseite ab. In Havza, wo hohe Quelltemperaturen verfügbar sind, können kleinere Rohrdurchmesser genutzt werden. In Ladik hingegen erfordern längere Transportwege und die hybride Wärmeversorgung größere Dimensionen, um Stabilität zu gewährleisten. Mindestens ebenso entscheidend ist die Sanierungs- qualität der Gebäude. Gut gedämmte Gebäude mit modernen Heizsystemen senken Spitzenlasten und ermöglichen eine kleinere Dimensionierung der Leitungen. Schlechter sanierte Gebäude erhöhen den Wärmebedarf und erfordern robustere Netze. Warmwasserspeicher an den Übergabestationen tra- gen zusätzlich dazu bei, Bedarfsspitzen abzufedern, Durchflüsse zu stabilisieren und das Gesamtsystem zu entlasten. Die Ergebnisse verdeutlichen: Gebäudesanierung und Speicherintegration sind nicht nur Einzelmaß- nahmen, sondern strategische Hebel, um Kosten zu reduzieren, Netze zu optimieren und die Gesamteffi- zienz zu steigern. Nachhaltigkeit und Skalierbarkeit Langfristige Nachhaltigkeit bildet das Fundament des Projekts. In Havza wird durch dreidimensi- onale geologische Modellierungen, prädiktive Reservoirsimulationen sowie optimierte Tracer- und Inhibitortests 1 eine verlässliche Basis für nachhal- tige Förderung und Reinjektion geschaffen. Diese Maßnahmen, gestützt auf umfangreiche Feldun- tersuchungen, sichern den dauerhaften Betrieb der Geothermiequelle. In Ladik zeigte eine umfassende Energiebilanz des Zementwerks, wie Abwärme mit realistischen Lastprofilen in das System integriert werden kann. Die Kombination von industrieller Abwärme mit geo- thermischen Quellen stabilisiert das Gesamtsystem und gewährleistet konstante 55 °C Vorlauftem- peratur im Fernwärmenetz. Als Nebeneffekt wird die Energieeffizienz des Zementwerks und dessen CO 2 -Bilanz verbessert – ein Beispiel für die Nutzung sektorübergreifender Synergien. Die Skalierbarkeit des Ansatzes wird anhand der drei Demonstrationsstandorte untersucht, und digitale Steuerungsstrategien auf der Plattform erprobt. Ein Blockchain-basiertes Monitoringsystem sammelt Daten kritischer Sensoren 2 im gesamten System, 1 Tracer-Tests dienen der Analyse von Fließwegen und hydraulischen Verbindungen zwischen Förder- und Reinjektionsbohrungen, indem Markierstoffe in das geothermische Fluid eingebracht und deren Verlauf überwacht werden. Inhibitor-Tests bewerten und optimieren chemische Zusätze, die Ablagerungen und Korrosion im geothermischen System verhindern und so einen langfristig stabilen Betrieb gewährleisten. 2 Ein Sensor gilt als kritisch, wenn er an zentralen Messpunkten installiert ist, deren Daten für den sicheren und effizienten Betrieb des Systems entscheidend sind – etwa an Brunnen, Pumpstationen, Wärmetauschern oder Netzübergabestellen. Wärmenetz des Untersuchungsgebiets Ladik, TR Quelle: AEE INTEC, arteria technologies Wärmenetz des Untersuchungsgebiets Rohrbach, AT Quelle: AEE INTEC, arteria technologies
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