„nachhaltige technologien 04 | 2025"
ie Welt befindet sich gegenwärtig in einer tiefgreifenden Transformationsphase. Energie-, Rohstoff- und Ernährungssysteme geraten zuneh- mend an physische und ökologische Grenzen. Für die Energiewirtschaft entsteht daraus ein doppelter Handlungsdruck: Einerseits gilt es, Versorgungssi- cherheit und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu gewährleisten, andererseits steigen, bedingt durch Klimarisiken, volatile Märkte und wachsende Scha- denskosten, die Anforderungen dramatisch. Künftig lautet die zentrale Frage nicht, wie mehr produziert werden kann, sondern wie systemische Effizienz erreicht wird – also wie Wohlstand innerhalb ökologischer Grenzen und mit möglichst geringen Folgekosten gesichert werden kann. Technologische Innovation allein genügt dafür nicht. Nötig ist der bewusste Abschied von Praktiken, Technologien und Routinen, die nicht mehr zukunftsfähig sind. In der Innovationsforschung bezeichnet man diesen Schritt als Exnovation: Das bedeutet Überholtes zurückzu- nehmen, damit Neues Wirkung entfalten kann. Aktuelle wissenschaftliche Befunde zeigen, dass bereits sieben von neun „planetaren Grenzen“ über- schritten sind. Diese Grenzen definieren Schlüssel- prozesse im Erdsystem, deren Überschreitung die Stabilität und Resilienz lebenswichtiger Funktionen gefährdet. Zu den überschrittenen Grenzen zählen: Klimawandel, Veränderung der Biodiversität, Landnutzungsänderung, Verbrauch von Süßwasser- ressourcen, Stickstoff- und Phosphorkreislauf, Einführung neuartiger Stoffe (z. B. synthetische Che- mikalien, Mikro- und Nanoplastik) und erstmals auch Ozeanversauerung. Diese Diagnose unterstreicht den systemischen Druck auf Wirtschaft und Gesellschaft: Es geht um eine Neuausrichtung im Sinne einer lang- fristig tragfähigen Wirtschaftsweise. Wirtschaften mit Natur und Physik Die Wirtschaft ist als offenes Teilsystem der Bio- sphäre zu verstehen. Alle wirtschaftlichen Aktivitäten beruhen auf Energie- und Stoffflüssen, deren Wir- kung den Gesetzen der Thermodynamik folgt. Daraus ergeben sich zwei fundamentale Konsequenzen: Erstens können Umwandlungsverluste nicht beliebig reduziert werden. Zweitens sind fossile und andere Rohstoffe nicht unbegrenzt verfügbar. Ein Energiesystem, das sich weiterhin auf die Ver- brennung fossiler Energieträger stützt, vergrößert die Importabhängigkeit und bewirkt steigende externe Kosten. Ein alternatives System, das sich konsequent an den physikalisch-biologischen Möglichkeiten orientiert, nutzt lokal verfügbare Energieflüsse effi- zienter und vermeidet versteckte Folgekosten – etwa D Foto: MattObserve/NEWS Sigrid Stagl Wirtschaften mit Natur und Physik: Systemische Effizienz und die Notwendigkeit von Exnovation
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