„nachhaltige technologien 04 | 2025"

Univ.-Prof. Dr. Sigrid Stagl leitet am Institut für Umweltökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien das For- schungsfeld Umwelt- und Ressourcenökonomie. Nach dem ersten weltweit verliehenen Doktorat in Ökologischer Ökonomie am Rensselaer Polytechnic Institute (1999) war sie an den Universitäten Leeds und Sussex tätig, bevor sie 2008 an die WU Wien zurückkehrte und 2014 das „Institute for Ecological Economics“ gründete. Ihre Forschung umfasst ökologisch-ökonomische Modellierung, partizipative Entscheidungsunterstützung und die Analyse sozialer Innovationen im Kontext nachhaltiger Transformation. 2024 wurde sie zur „Wissenschafterin des Jahres“ gewählt. Vermeidung externer Folgekosten entlastet Gesell- schaft und Wirtschaft. Schließlich erhöhen resiliente, regional diversifizierte Systeme die Preisstabilität und verringern Abhängigkeiten gegenüber globalen Schocks. Diese Mechanismen entstehen jedoch nicht von selbst. Sie sind das Ergebnis politischer Rah- menbedingungen, marktwirtschaftlicher Regeln und institutioneller Entscheidungen – genau dort, wo In- novation und Exnovation zusammenspielen müssen. Empfehlungen für Unternehmen und Politik Für Unternehmen der Energiewirtschaft ergibt sich eine strategische Ausrichtung: Investitionsent- scheidungen sollten an biophysische Leitplanken gekoppelt sein, statt allein an kurzfristige Marktin- dikatoren. Fossile Investitionen sollten schrittweise abgebaut werden, um Lock-in-Effekte zu vermeiden. Der gezielte Ausbau regionaler Energieflüsse und Speicher erhöht Flexibilität und Versorgungssicher- heit. Kreislaufmodelle in Technologie und Material- einsatz sollten stärker integriert werden. Für die Politik liegt die Kernaufgabe darin, Marktregeln und Anreizsysteme so auszurichten, dass physische Rea- lität und ökonomische Rationalität übereinstimmen. Wenn Märkte Naturgesetze ignorieren, indem externe Kosten ausgeblendet oder kurzfristige Effizienz über langfristige Stabilität gestellt wird, entsteht ein sys- temisches Risiko. Darüber hinaus sollte Exnovation explizit als Politikziel etabliert werden; dazu gehören Abschreibungsrahmen, Förderlogiken, Infrastruktur- programme und regulatorische Vorgaben. Partizipati- ve Prozesse sind zu stärken, da die gesellschaftliche Akzeptanz für Transformationspfade erwiesenermaßen steigt, wenn Bürger*innen frühzeitig eingebunden werden. Fazit Wirtschaften im Einklang mit Natur und Physik führt damit zu höherer systemischer Effizienz, geringeren Folgekosten und größerer Resilienz – und wird so- mit zu einem zentralen Standortfaktor der Zukunft. Doch ohne Exnovation – den bewussten Abschied von fossilen, energieintensiven und verlustreichen Struk- turen – bleibt diese Effizienz unerreichbar. Innovation und Exnovation bilden gemeinsam den Schlüssel für eine Energiewirtschaft, die ökologisch tragfähig, sozial ausgewogen und ökonomisch erfolgreich ist. durch Luftverschmutzung, Klimaschäden oder Infra- strukturbelastungen. Erneuerbare, lokale Systeme stärken langfristig die wirtschaftliche Standortqualität, ermöglichen sta- bilere Energiepreise, geringere Abhängigkeiten und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen - zen- trale Faktoren für ein wettbewerbsfähiges Energie- system. Der Aufbau oder Umbau der erforderlichen Infrastruktur verlangt zwar hohe Investitionen, doch diese tragen bereits in der Aufbauphase zur lokalen Wertschöpfung und Beschäftigung bei und dienen dem Standort über Jahrzehnte hinweg. Warum Exnovation unverzichtbar ist Innovation allein bleibt wenig wirksam, wenn alte, nicht mehr tragfähige Strukturen unverändert wei- terbestehen. Ohne institutionelle, soziale und tech- nologische Anpassungen kann keine neue Lösung ihre Wirkung entfalten. Im Kontext der Energiewirt- schaft bedeutet dies konkret, dass der Übergang zu erneuerbaren Quellen blockiert wird, solange fossile Infrastrukturen als sicherheitspolitische Notwen- digkeit betrachtet und weiter finanziert werden. Kreislaufmodelle bleiben marginal, solange lineare Geschäftsmodelle rechtlich und finanziell bevorzugt werden. Exnovation ist daher kein Verlust, sondern ein strategisches Instrument zur Freisetzung von Ressourcen, Investitionen und Aufmerksamkeit für zukunftsfähige Lösungen. Systemische Effizienz als Standortfaktor Wirtschaften mit Natur und Physik erzeugt er- hebliche ökonomische Vorteile – nicht nur für die Energiewirtschaft, sondern auch in Ernährungs- und Rohstoffsystemen. Für die Energiewirtschaft sind Aspekte wie Nutzung erneuerbarer Energieflüsse, Verringerung physikalischer Umwandlungsverluste, Kreislauf- und Kaskadennutzung von Materialien und Energie, Vermeidung externer Folgekosten und die Steigerung von Resilienz sowie Preisstabilität beson- ders relevant. Der gezielte Einsatz erneuerbarer lokal verfügbarer Energieträger reduziert Importkosten und geopolitische Risiken. Die Direkt-Elektrifizierung sowie Wärmekaskaden erhöhen die effiziente Nut- zung von Systemen. Kreislauf- und Kaskadennutzung verlängert Lebens- zyklen von Materialien und Energienutzungen. Die LEITARTIKEL 5 4

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