„nachhaltige technologien 1|2018“

11 10 NETZGEBUNDENE WÄRMEVERSORGUNG Basis von City-GML zum Einsatz kam und weiterent- wickelt wurde. Damit konnte der gebäudebezogene Ist-Zustand der Gesamtgemeinde erfasst und der Status quo des Energiebedarfs und der Energieerzeu- gung (vorhandene PV- und solarthermische Anlagen) errechnet werden. Es folgte die Berechnung des Po- tenzials erneuerbarer Energien auf einer Gemeinde- fläche von rund 30 Quadratkilometern (Solarenergie, Windkraft, Biomasse, Geothermie) sowie die Ausar- beitung verschiedener Szenarien zu deren Ausbau unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit. Technisch-wirtschaftliche Szenarien für 2020 Die entwickelte Roadmap sieht vor allem den Ausbau netzgebundener nachhaltiger Wärmeversorgung mög- lichst in Kombination mit regenerativer Stromerzeu- gung (z. B. Holzvergasung mit BHKW) vor, sowie die Investition in Windkraft (2 Großwindkraftanlagen sind in Planung). Außerdem könnte unter anderem eine kleinere Biogasanlage mit BHKW realisiert werden. Ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg liegt in der raschen Steigerung der Gebäudeenergieeffizienz durch Erhö- hung der Sanierungsrate auf mindestens 3 Prozent pro Jahr. Ob die Gemeinde diesen Plan tatsächlich bis 2020 realisieren kann, hängt davon ab, ob sie Investoren und Gebäudeeigentümer mobilisieren kann. Von vornherein war klar, dass ein intensiver Ausbau von erneuerbaren Energien das Stromnetz der Ge- meinde deutlich belasten würde. Deshalb wurde es im Hinblick auf einen gegebenenfalls notwendigen Aus- bau unter dem Aspekt der Umsetzung von SmartGrid- Komponenten zum intelligenten Lastmanagement untersucht. Hier wurden Lösungen zur Netzentlastung durch intelligentes Last- und Speichermanagement von Verbrauchern mit thermischen und elektrischen Speichern erarbeitet. Auch zentrale Stromspeicher wurden betrachtet, die an neuralgischen Punkten des Stromnetzes zur Netzentlastung eingesetzt werden können. Modellprojekt Plusenergiesiedlung Das zentrale Umsetzungsprojekt in EnVisaGe ist die 14 703 m² umfassende Plusenergie-Modellsiedlung „Vordere Viehweide“. Die Wohnsiedlung ist ein groß- flächig mit geothermischer Wärme versorgtes neues Quartier, erbaut von 2012 bis 2017. Zur effizienten Wärmeversorgung werden neben der Umsetzung ei- nes hohen Wärmedämmstandards der Gebäudehülle (KfW 55) auch hoch effiziente Wärmepumpen in Kom- bination mit einer regenerativen Niedertemperatur- wärmequelle umgesetzt, die zentral über ein kaltes Nahwärmenetz bereitgestellt wird. Gespeist wird es über einen europaweit einmalig nach dem System Doppelacker der Doppelacker GmbH in Petershagen angelegten „Agrothermiekollektor“, der Niedertem- peraturwärme (2°-15°C) aus zwei Metern Tiefe zur Beheizung und Warmwasserbereitung liefert und im Sommer eine kostengünstige Kühlung der Gebäude ermöglicht. Die Energie für den Betrieb der Wärmepumpen kommt von PV-Anlagen auf den Dächern, kombiniert mit inno- vativen Batteriespeichersystemen. Ein intelligentes lokales Lastmanagement sorgt für eine möglichst hohe Eigennutzung des erzeugten PV-Stroms bei möglichst geringer Belastung des lokalen Stromnet- zes. Für dieses intelligente Lastmanagement wurde ein innovatives Datenerfassungs- und Übertragungs- system mit abgesicherter Anbindung an eine Cloud entwickelt. Durch eine Anbindung an ein virtuelles Kraftwerk können die dezentralen Wärmepumpen mit Wärmespeichern und die Stromspeicher auch als kumulierte regelbare Stromsenken für den Strom- lieferanten angeboten und genutzt werden um auf Überangebote im Stromnetz zu reagieren. Die agrothermische Kollektorfläche (derzeit 0,44 ha) wird mit der geplanten Erweiterung der Siedlung auf 1,5 ha ausgebaut. Sie kann weiter landwirtschaft- lich genutzt werden. Der Kollektor versorgt aktuell 23 Wohngebäude (EFH und DHH). Foto: zafh.net/Pietzsch Für die Bauherren vorgeschrieben: Eine gute Gebäude- dämmung (KfW 55), eine PV-Anlage auf dem Dach und der Anschluss ans Kaltwärmenetz mit eigener Wärmepumpe.

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