„nachhaltige technologien 02 | 2025"
13 - ältere Gebäude enthalten oft rückbaufähige Komponenten. Holzverbindungen zum Stecken, wasserlösliche oder schwach anhaftende Mörtel für Ziegel und gelegte Dachziegel erleichtern die Wiederverwendung. - moderne Konstruktionen sind meist nicht sortenrein rückbaufähig. Bodenbeläge, aber auch Dämmstoffe für Fassaden und Dachfolien werden oft vollflächig mit Mauerwerk oder Untergrund verklebt, während Bodenbeläge und Dachfolien früher oft nur aufgelegt wurden. Bei Blechdächern findet man Nieten anstelle von Schrauben und moderne Mörtel lassen sich oft nicht von Ziegeln entfernen. Aber wenn moderne Verbindungstechniken schlecht lösbar sind, warum werden sie dann eingesetzt? Häufig genannte Vorteile sind eine schnelle Verar- beitung, auch durch wenig geübte Personen. Bei- spielsweise geht das Einkleben von Fenstern mit Schäumen („Einschäumen“) schnell und verzeiht Unebenheiten, während traditionelle Techniken viel Geschick und Erfahrung erfordern. Schließlich stehen verschiedene Produkte und Verbindungstechniken in Konkurrenz miteinander, unter Kostendruck beim Bau „gewinnt“ oft eine kurzfristig möglichst kosten- günstige Bauweise. Außerdem sind schwer lösbare Verbindungen weniger anfällig für Sabotage. Dazu kommt, dass die meisten Produkthersteller noch auf das Geschäftsmodell fokussiert sind, in dem es vor allem darum geht, möglichst viele neue Produkte zu verkaufen. Dass moderne Gebäude weniger geeignet für den Rückbau sind, liegt nicht nur an den geringen Kosten von modernen Verbindungstechniken. Auch Normen und Gesetze haben zunehmend mehr Sicherheit und Energieeffizienz gefordert, während Rückbaufähig- keit lange Zeit nicht berücksichtigt wurde. Design-Richtlinien für die Kreislaufbauwirtschaft Der Niederländer John Habraken entwickelte 1961 das Prinzip des Open Building. Er wollte erreichen, dass Bürogebäude einfacher modernisierbar sind und län- ger genutzt werden. Dazu beschreibt er die notwen- dige Trennung des Gebäudes in Funktionsbereiche mit unterschiedlichen Anforderungen, Lebensdauern und Austausch-/Wartungszyklen. Diese Trennung soll die Flexibilität und Adaptionsfähigkeit von Gebäuden erhöht. Habraken unterschied vor allem feste Trag- und flexible Füllstrukturen. Indem die Tragstruktur von der Innenraum- und Fassadengestaltung ge- trennt wird, ist eine umfassende Adaption durch die Nutzer*innen möglich (OpenBuilding.co, 2021). Dazu vergleicht er Gebäude mit einem Bücherregal: „The support represent the most permanent parts of the building, like the structure and can be seen as a bookcase. The infill represents the adaptable part of the building, or in other words the books”. 1 1995 veröffentlichte Stewart Brand seine Theorie der Shearing Layers (im Deutschen: Schichten) von Gebäuden (Tabelle 1). Hierbei unterteilt Stewart ein Gebäude in Schichten unterschiedlicher Funktionen und üblicher Lebens-, beziehungsweise Nutzungs- dauern. Stewart unterscheidet insgesamt sechs Schichten. Werden diese Funktionsschichten durch einzeln demontierbare Komponenten bedient, kann eine effiziente Erneuerung von Schichten am Ende ihrer Lebensdauer erfolgen. • Jedes Gebäude befindet sich an einem geogra- fischen Standort (site), dessen Nutzungsdauer als unbeschränkt angesehen wird. • „Structure“ beschreibt die statische Tragstruktur eines Gebäudes, für die eine Lebensdauer zwischen 30 und 300 Jahren angenommen wird. • „Skin“ beschreibt die Gebäudehülle, deren Funktion die Trennung von Innen- vom Außenraum und damit der Schutz vor den natürlichen Elementen ist. Hier wird eine Lebensdauer von über 20 Jahren erwartet. • Die technische Gebäudeausstattung wird mit dem Layer der „Services“ beschrieben und hält erwar- tungsgemäß zwischen sieben und 15 Jahre. • Das Bestehen eines Gebäudegrundrisses („Space Plan“) unterliegt stark der Nutzung, wobei übliche Nutzungsdauern bei drei Jahren beginnen (Geschäftsgebäude) und bis zu 30 Jahre (Wohnge- bäude) erreichen können. • Die kürzeste Nutzungsdauer, von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten, wird der Ausstattung und Möblierung (beispielsweise Dekogegenstände und Möbel), dem „Stuff“, zugewiesen. 1 https://www.openbuilding.co/ Schematische Darstellung der Shearing Layers in Gebäuden. In der Kreislauf-Bauwirtschaft sollen Komponenten mit unterschiedlichen Nutzungsdauern und Instandhaltungsinter- vallen möglichst gut voneinander zu trennen sein Darstellung: AEE INTEC, Anna Fulterer Grundriss (3-30) Hülle (20 Jahre) Standort (unbegrenzt) Statische Tragstruktur (30 - 300) Technische Gebäudeausstattung (7-15) Ausstattung 12 IM KREIS GEDACHT - WEGE ZUR ZIRKULÄREN WIRTSCHAFT
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