„nachhaltige technologien 02 | 2025"

Conny Aerts ist Professorin am Institut für Astronomie an der KU Leuven, Belgien. Sie leitet außerdem den Lehrstuhl für Asterioseismologie an der Radboud University Nijmegen, Niederlande und ist weiters externes wissenschaftliches Mitglied der Max Planck Gesellschaft. bungen. Disruptive Technologien entstehen oft durch offene Bottom-up-Programme wie die Programme des European Research Council. Es ist auch wichtig, dass thematische Forschungsprojekte flexibel und kollaborativ bleiben, damit neue, innovative Ideen nicht durch zu enge Vorgaben blockiert werden. Man kann bestimmte Bereiche ansprechen und vordefinieren, die für das Wohl und die Gesundheit unserer Bürger*innen von zentraler Bedeutung sind, aber wie die optimalen Lösungen erreicht werden, sollte den Bottom-up-Ideen und Gruppen von Antragsteller*innen mit unterschiedlichen Hin- tergründen überlassen werden. CB: Welche Bereiche sollten Priorität in den euro- päischen Forschungsinvestitionen haben, und wie kann Europa sicherstellen, dass es nicht hinter die USA und China zurückfällt? CA: Die langfristigen Bedürfnisse der europäischen Bürger*innen sollten im Zentrum stehen, insbeson- dere auch in Bereichen wie Technologie, Gesundheit und Wohlbefinden. Europa sollte auf seine eigenen Werte setzen und verantwortungsvolle Innovationen fördern. Es braucht politischen Mut, in langfristige Grundlagenforschung zu investieren, auch wenn sie nicht sofort kommerziellen Nutzen bringt. CB: Der Bericht hebt die Bedeutung der Zusammen- arbeit zwischen Wissenschaft und Industrie hervor, um wettbewerbsfähige Technologien zu entwi- ckeln. Wie könnte diese Zusammenarbeit effizienter gestaltet werden? CA: Ein Beispiel dafür sind Marie Skłodowska-Curie Actions (MSCA), bei denen durch verstärkte Koope- rationen zwischen Wissenschaft und Industrie auf Doktoranden- und Postdoktorandenebene enorme Fortschritte erzielt werden können. Das gilt auch für European Research Council (ERC)- oder European Innovation Council (EIC)-Anträge, bei denen ex- zellente Teams unter der Leitung erfahrener Wissenschaftler*innen junge Forscher*innen zu Innovator*innen ausbilden. Investitionen in ERC, EIC und MSCA sind daher von entscheidender Bedeu- tung und lassen sich über ein SoE-Programm für als „exzellent“ bewertete Projekte leicht mit regionalen Prioritäten in Einklang bringen, was eine äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Forschungs- Rahmenprogramm ermöglicht. Vielen herzlichen Dank für das interessante Gespräch. CB: Der Bericht spricht von der Notwendigkeit, die übergeordnete Forschungsstrategie mit den Strategien der Mitgliedsländer abzustimmen. Wie kann dies umgesetzt werden? CA: Da das derzeitige Rahmenprogramm nicht alle exzellenten Proposals finanzieren kann, sollten die Mitgliedsstaaten mehr in Forschung investieren – idealerweise drei Prozent des BIP. Ein effektiver An- satz wäre, abgelehnte, aber als „exzellent“ beurteilte Vorschläge mit einem „Seal of Excellence“ (SoE) auszuzeichnen, was bereits in Ländern wie Belgien umgesetzt wird. Dieses System ermöglicht es den Mitgliedsstaaten, diese ausgezeichneten Proposals auf nationaler Ebene gezielt zu fördern, indem die Antragsteller*innen kleinere, nationale Förderungen erhalten. Das stärkt den Wettbewerb und ermöglicht eine gezielte, nationale Priorisierung von Projekten, die zu den Stärken eines Landes passen. CB: Ein weiterer Punkt ist die Vereinfachung der Antragsprozesse für Forschungsprojekte. Wie könnte dies in der Praxis aussehen? CA: Vereinfachung für die Antragsteller ist entschei- dend! Ein Beispiel wäre die Einführung von Pauschal- förderungen, basierend auf einem vertrauensbasier- tem Ansatz. Natürlich müssen wir die Durchführung der bewilligten Projekte ordnungsgemäß bewerten, aber erst nachdem die Ergebnisse vorliegen. Statt uns mit detaillierten Ausgabenbegründungen zu be- schäftigen, könnten wir den "Value-for-Money" eines Projekts nach Abschluss bewerten. Das ist besonders in der Grundlagenforschung einfach umzusetzen und würde eine Menge an unnötigem Verwaltungsauf- wand vermeiden. Bei angewandter Forschung ist es etwas schwieriger, aber auch hier sollte ein vertrau- ensbasierter Ansatz verfolgt werden, insbesondere bei den derzeitigen niedrigen Erfolgsquoten für den Zuschlag von Projekten beispielsweise im Rahmen des European Innovation Council, deren Erfolgsquote oft unter zehn Prozent liegt. CB: Der Bericht hebt auch die Bedeutung von Forschung für gesellschaftliche Transformationen hervor. Wie können europäische Forschungspro- gramme wissenschaftliche Exzellenz gewährleisten und gleichzeitig den Bedürfnissen der Bürger gerecht werden? CA: Ich bin überzeugt, dass die beste angewandte Forschung zum Wohl unserer Gesellschaften aus transdisziplinären Ansätzen kommt. Daher plädiere ich für nicht zu streng vorgeschriebene Ausschrei- LEITARTIKEL 5 4

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