„nachhaltige technologien 04 | 2025"
Poltava | Schrittweise Modernisierung eines regionalen Netzes Poltava, eine Stadt in der Zentralukraine mit etwa 300 000 Einwohnern betreibt eines der größten regi- onalen Fernwärmesysteme der Ukraine und versorgt etwa 95 Prozent der 3 400 Gebäude der Stadt über ein Netz von 91 Anlagen mit einer Gesamtwärme- leistung von fast 890 MW th und Verteilungsleitungen mit einer Länge von über 215 km. Die jährliche Wärmeerzeugung erreicht etwa 756 GWh, wobei der Großteil der Nachfrage auf Privathaushalte entfällt. Das System ist stark von Erdgas abhängig, und die Integration erneuerbarer Energien steckt noch in den Anfängen. Bislang wurden zwei Biomassekessel und eine Solaranlage integriert. Die bestehende Infrastruktur steht vor großen He- rausforderungen: Die überdimensionierten Kessel- kapazitäten sind mehr als doppelt so hoch wie die angeschlossenen Lasten. Hinzu kommen veraltete Anlagen, unzureichende Automatisierung und das Fehlen von Wärmespeichern. Diese Bedingungen führen zu finanziellem Druck sowie einer Anfälligkeit gegenüber schwankenden Gaspreisen. Im Rahmen von „Enable DHC“ strebt Poltava gemein- sam mit AEE INTEC die Entwicklung von Investiti- onsportfolios und Energiemanagementansätzen an, die den europäischen Standards entsprechen. Zu den vorrangigen Maßnahmen gehören die Moder- nisierung von Kesselhäusern, die Erneuerung des Netzes und die Einführung von Kraft-Wärme-Kopp- lungsanlagen. Der städtische Energieplan 2030 sieht eine Reduzierung der CO 2 -Emissionen um 23 Prozent und eine verstärkte Nutzung von Biomasse und Solarenergie vor, was das Bestreben widerspiegelt, von der Gasabhängigkeit zu einer diversifizierten, effizienten und widerstandsfähigen Wärmeversor- gung überzugehen. Poltava ist somit ein Beispiel dafür, wie die schrittweise Modernisierung eines großen regionalen Systems die Grundlage für eine langfristige Dekarbonisierung und Energiesicherheit schaffen kann. Stryi | Regionaler strategischer Wandel Die Stadt Stryi mit rund 98 000 Einwohnern betreibt ein Fernwärmesystem, das vom kommunalen Ver- sorgungsunternehmen Stryiteploenergo verwaltet wird. Das seit 1978 bestehende System setzt sich aus 33 Kesselhäusern und 90 Einzelanlagen mit einer installierten Gesamtwärmeleistung von 93,6 MW th zusammen. Die jährliche Produktion erreicht etwa 65 GWh, hauptsächlich auf Basis von Erdgas, aber bereits ergänzt durch etwa 6 800 Tonnen Holzbio- masse (5 GWh bzw. 7,7 Prozent). Das Netz erstreckt sich über fast 30 km und versorgt etwa 60 Prozent der Gebäude der Stadt, wobei mehr als drei Viertel des Bedarfs auf Haushalte entfallen. Wie in vielen ukrainischen Gemeinden leidet die Infrastruktur unter alternden Rohrleitungen und einem Mangel an Speichermöglichkeiten, doch durch laufende Maßnahmen werden veraltete Abschnitte durch moderne, vorisolierte Rohre ersetzt, um Wär- meverluste zu reduzieren. Im Rahmen von „Enable DHC“ profitiert Stryi von Netzanalysen von AEE INTEC, die eine Untersuchung des thermohydraulischen Verhaltens umfassen, um Strömung, Druck und be- triebliche Engpässe besser zu verstehen und damit die Grundlage für einen effizienteren und flexibleren Betrieb zu schaffen. Strategisch strebt die Stadt eine Diversifizierung ihres Brennstoffmixes an, indem sie Gasheizkessel an drei wichtigen Standorten (jeweils 4–6 MW th ) schrittweise durch Biomasseanlagen ersetzt. Zukünftige Konzepte umfassen Wärmepumpen, KWK-Anlagen und Wär- mespeicher, die sowohl die Effizienz als auch die Widerstandsfähigkeit verbessern. Über seinen lokalen Rahmen hinaus hat Stryi als Standort der größten unterirdischen Gasspeicheranlage Europas eine große Bedeutung und befindet sich damit am Schnittpunkt der regionalen und internationalen Energiesicherheit. Vergleichende Erkenntnisse – Drei Ebenen der Transformation In allen drei Städten zeigen sich gemeinsame He- rausforderungen: hohe Gasabhängigkeit, veraltete Anlagen aus der Sowjetzeit und Anfälligkeit sowohl für Preisschwankungen als auch für kriegsbeding- te Störungen. Zu den gemeinsamen Strategien gehören die Priorisierung der Modernisierung vor Neu installierte Luft-Wasser-Wärmepumpenanlage in Lviv Fotos: Lvivteploenergo 13 12 TRANSFORMATION DER FERNWÄRME
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